«Hier gibt es schon genug. Jetzt kommt es darauf an, Beziehungen aufzubauen.»
Die Künstlerin Kateřina Šedá im Gespräch mit Christiane Rekade, Projektleiterin der Fachstelle Kunst und Bau der Stadt Zürich.Über Teilhabe
Christiane Rekade: Das Projekt RADIO GUGGACH ist für mich und für die Fachstelle Kunst und Bau eines der ersten vollständig partizipativen Kunstwerke im Rahmen von Kunst und Bau. Diese beiden Konzepte scheinen auf den ersten Blick gegensätzlich zu sein: Kunst und Bau ist eng mit Architektur verbunden und beinhaltet in der Regel Werke, die speziell für einen bestimmten Ort geschaffen und dauerhaft im oder um das Bauwerk installiert werden. Im Gegensatz dazu arbeitest du mit einem sehr dynamischen, heterogenen und oft unberechenbaren «Material» – den Menschen. Für RADIO GUGGACH hast du dich sowohl mit den langjährigen Bewohner*innen als auch mit den Neuankömmlingen im Quartier getroffen und ihre Geschichten gesammelt. Du gehörst zu den wenigen Künstlerinnen, die so konsequent und radikal partizipativ arbeiten. Warum hast du dich für diese Art Kunst entschieden?Kateřina Šedá: Mein inneres Bedürfnis, partizipativ zu arbeiten, muss in meiner Kindheit begonnen haben, als ich noch nichts über Kunst wusste. Ich lebte in der Nähe des Waldes am Stadtrand, war in keinem Verein und verbrachte fast die ganze Zeit mit anderen Kindern draussen. Meist war ich es, die sich überlegte, was wir machen und was wir spielen wollten. Sehr schnell hatte ich die üblichen Kinderspiele satt und überlegte mir ständig, wie ich die Erwachsenen in unsere Spiele einbeziehen könnte. Oft spielten wir «das Leben» oder versuchten, einen Film nachzuspielen, den wir gut kannten. Dieses Bedürfnis, Menschen miteinander zu verbinden und sie in eine Aktivität einzubinden, ist mir geblieben. Das Studium an den Kunsthochschulen hat mir geholfen, es zu monumentalisieren. Nach und nach entdeckte ich, dass die Teilnahme ein Mittel ist, mit dem man nicht nur sich selbst, sondern auch seine Umgebung verändern kann. Das hat meine Faszination für dieses Phänomen noch verstärkt.
In den letzten zwanzig Jahren habe ich Projekte an vielen verschieden Orten durchgeführt, vom Silicon Valley in den USA bis Tschernobyl in der Ukraine, und meine Erfahrungen basierten immer auf demjenigen Projektformat, das ich für den jeweiligen Ort entworfen habe. Meine Arbeitsmethode ist insofern einzigartig, als ich regelmässig versuche, auch diejenigen in meine Projekte einzubeziehen, die das nicht wollen. Ich denke, dass ich in diese Richtung immer auch meine eigenen Grenzen erweitere. Wenn ich gleich zu Beginn des Projektes schon sehr viele begeisterte Teilnehmer*innen finde, macht mich das eher skeptisch, weil ich denke, das Projekt ist nicht mutig genug. Umdenken und sich selber herausfordern soll für alle Teil des Arbeitsprozesses sein.
CR: Wie kam dir die Idee für RADIO GUGGACH?
KS: Bevor ich mit einer Zusammenarbeit beginne, muss ich den Ort kennenlernen und ihn zumindest ein wenig verstehen. Natürlich sind meine Möglichkeiten begrenzt. Es ist selten, dass ich mehrere Monate damit verbringen kann, einen Ort zu erforschen, also arbeite ich hauptsächlich mit den verfügbaren Möglichkeiten – vor allem durch Gespräche mit so vielen verschiedenen Menschen wie möglich. Diesen Teil überspringe ich nie, sonst würde ich im Grunde genommen eine Diagnose ohne Patienten stellen.
Als ich 2020 zur Teilnahme am Wettbewerb in Zürich eingeladen wurde, herrschte gerade die Covid-Pandemie und es war unmöglich zu reisen. Ich konnte den Standort also nicht so erforschen, wie ich es gerne getan hätte, also suchte ich nach anderen Möglichkeiten. Ich wandte mich an die tschechische Gemeinde in Zürich und bat sie um Hilfe. Für mich war es wichtig, die Umgebung zu erkunden und mich nicht mit dem kuratorischen Plan und den Vorschlägen der Architekt*innen zufriedenzugeben. Ich war auf der Suche nach Dingen, die normalerweise nicht in diesen Dokumenten enthalten sind: wie die Beziehungen an diesem Ort funktionieren, wie die Vergangenheit sie geprägt hat und welche Erwartungen die Menschen an die Zukunft haben. Das hat mir geholfen, ein Gefühl für den Ort zu bekommen und mich auf diese Art von Projekt zu konzentrieren, die ausschliesslich Beziehungen fördert. Als ich dann erfuhr, dass im Guggach-Quartier der grösste Radiosender der Schweiz beheimatet ist, war die Entscheidung gefallen.
Arbeiten in Zürich
CR: Wie war für dich die Erfahrung hier in Zürich?KS: Als ich das Projekt vorschlug, wusste ich natürlich, dass es nicht einfach zu realisieren sein würde. Es handelt sich um einen Standort, an dem ein Teil einer Gartenkolonie einer neuen Überbauung weichen musste. Das ist immer und überall eine schwierige Situation. Das Gelände, auf dem sich inzwischen bereits neue Wohnungen und eine Schule befinden, wurde davor als Raum für Gemeinschaftsveranstaltungen und Nachbarschaftstreffen genutzt. Darum war klar, dass einige der Bewohner*innen diese Veränderung negativ wahrnehmen würden. Gleichzeitig wies mich jemand darauf hin, dass sich die Menschen in der Schweiz wohl nicht auf ein solches Projekt einlassen würden, weil sie nicht gerne Informationen über sich preisgeben und eher verschlossen sind. Ausserdem spreche ich nicht gut Deutsch, sodass mein Verständnis sehr eingeschränkt ist. Ich war mir all dieser Aspekte bewusst, und sie waren keine Überraschung für mich, im Gegenteil: Sie waren der Grund, warum ich diese Art von Projekt an diesem Ort vorgeschlagen habe. Ich habe Dutzende von Projekten an Orten durchgeführt, an denen ich normalerweise mit Übersetzer*innen arbeiten würde, zum Beispiel in Tschernobyl, Budapest oder Tokio. Wenn man eine klare Vision hat, sind die Mittel zur Umsetzung aber immer vorhanden. Natürlich wurde ich vor Ort mit Kommentaren konfrontiert wie: «Wenn du kein Schweizerdeutsch sprichst, kannst du so ein Projekt hier nicht machen!», oder: «Warum kann nicht ein Schweizer Künstler oder eine Schweizer Künstlerin dieses Projekt machen?» Aber ich bin daran gewohnt und sehe es als Teil des Prozesses. Ich habe mich davon nicht entmutigen lassen und mich in erster Linie auf meine Absicht konzentriert: die Menschen dafür zu öffnen, sich auszutauschen und einander Aufmerksamkeit zu schenken, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich neue Bewohner*innen an diesem Ort willkommen fühlen, und schliesslich alle Gruppen miteinander zu verbinden. Für viele Menschen sind diese Dinge sehr abstrakt, sie denken bei Kunst meist an ein greifbares Objekt. Aber ich bin überzeugt, dass das Guggach-Quartier so etwas nicht braucht. Hier gibt es schon genug. Jetzt kommt es darauf an, Beziehungen aufzubauen – zu der Umgebung und zueinander.
CR: Was waren die Schwierigkeiten?
KS: Die grösste Herausforderung bestand darin, das richtige Team zu finden, Mitarbeiter*innen, die sich auf meine Denkweise einstellten, die keine Angst hatten, mit Fremden zu sprechen, und die alle gleich behandelten. Ich weiss, das klingt trivial, aber so einfach ist es nicht. Bei dieser Art von Projekt ist es absolut entscheidend, wer vor Ort ist, wie sie mit den Menschen umgehen und ob sie in der Lage sind, Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Es war nicht einfach, aber am Ende habe ich eine grossartige Gruppe von Leuten gefunden. Sie spielten eine Schlüsselrolle, wie sich das Projekt entwickelt hat. Auch die Befürchtung, dass die Einheimischen nicht mit uns reden wollen, hat sich nicht bewahrheitet, im Gegenteil: Wir haben in den drei Jahren viele grossartige Menschen kennengelernt. Ich sah das grössere Problem darin, ihr Vertrauen zu gewinnen, damit sie etwas Interessantes über sich selbst erzählten und nicht nur oberflächliche Informationen preisgaben, um Anstand zu wahren. Die Menschen sind heute sehr einsam und nicht daran gewöhnt, dass man sich tatsächlich für sie interessiert. Unsere einfühlsame Moderatorin Maike spielte dabei eine wichtige Rolle. Sie konnte das Vertrauen der Menschen gewinnen. Man hat ein Bedürfnis, sich ihr anzuvertrauen.
CR: Was war hier anders als zum Beispiel in einem Projekt für eine Kunsthalle oder ein Museum?
KS: Ein Projekt, das mit den Bewohner*innen eines Ortes vor Ort durchgeführt wird, ist immer etwas ganz anderes als die Arbeit in einem Museum. Ich habe diese Tätigkeit immer als viel reizvoller empfunden. In einem Museum habe ich das Gefühl, dass man bestimmte Kriterien erfüllen muss. Ich aber versuche, mit meiner Arbeit darüber hinauszugehen und meine eigenen Kriterien zu definieren. Gleichzeitig bin ich an der Arbeit mit einem nicht per se kunstaffinen Publikum interessiert, bei der wir unsere eigenen Grenzen ausloten und versuchen, sie gemeinsam zu erweitern. Wenn man ein Museum betritt, lässt man sich logischerweise auf ein kulturelles Erlebnis ein, aber in einem Lift in seinem eigenen Haus erwartet man das nicht. Ausserdem bin ich schon lange der Meinung, dass es wichtiger ist, Beziehungen zu schaffen, nicht Dinge – sie sind nur ein Mittel zum Zweck. Wenn man ein schönes Bild oder eine Skulptur kauft, hat man danach eine schönere Wohnung oder einen schöneren Garten, aber wenn man den richtigen Menschen, Partner, Freund trifft, hat man ein ganzes schöneres Leben – alles sieht schöner aus. Wir alle kennen dieses Gefühl: Wenn man sich auf jemanden einstellt und mit ihm auskommt, ist es oft egal, dass man in einem schlechten Haus mit alten Möbeln sitzt. Umgekehrt funktioniert es genauso: Wenn man in ständigen Konflikten und unvereinbaren Beziehungen steckt, hilft die beste Architektur nicht.
Auf Frequenz Guggach
CR: Du hast nun drei Jahre lang Leute interviewt, Audioaufnahmen zusammengeschnitten und dem Quartier einen Klang gegeben – es, wie du sagst, «auf eine Frequenz» gebracht. Wie klingt Guggach?KS: Guggach hatte für mich nie einen spezifischen Klang, den ich symbolisch mit dem Ort oder mit dem Projekt selbst in Verbindung bringen konnte. Darum habe ich versucht, ihn für mich zu definieren. Während der Umsetzung wurde mir allmählich klar, dass die Leute uns schon von Weitem erkannten und wir von denen, mit denen wir in irgendeiner Form ins Gespräch kamen, begrüsst wurden. Da wurde mir klar, dass der Klang, den ich mit Guggach verbinden und auf welche Frequenz ich Guggach bringen möchte, vor allem ein freundliches «Hallo» ist. Das symbolisiert für mich einen Moment der Verbindung und des Kennenlernens der Nachbar*innen.
CR: Wie beschreibst du das Quartier, seine Bewohner*innen?
KS: Zürich ist ein multikultureller Ort, und Guggach ist es auch – man trifft hier Menschen verschiedenster Nationalitäten. In den Familiengärten trafen wir auf Griech*innen, Italiener*innen und Französ*innen. Auch sonst habe ich gemerkt, dass viele Bewohner*innen dieses Viertels von ausserhalb kommen. Die ursprünglichen Bewohner*innen jedoch ziehen wegen der hohen Wohn- und Lebenshaltungskosten paradoxerweise von Zürich weg. Deshalb wollten übrigens einige Nachbar*innen nicht mit uns reden und nahmen die aktuelle Situation nicht als sehr positiv wahr. Andererseits hat man so die Möglichkeit, auf kleinem Raum so etwas wie ein «Muster der Welt» zu sehen, mit all seinen möglichen Missständen und Vorteilen. Das ist auch der Grund, warum ich mich für ein solches Projekt entschieden habe – die ganze heutige Welt hat Mühe, sich auf Dinge zu einigen. Die Fähigkeit, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen und nicht nur den eigenen Vorteil im Auge zu haben, ist derzeit die grösste globale Herausforderung.
CR: Was magst du an Guggach? Was nicht?
KS: Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie reibungslos in Zürich alles funktioniert, wie durchgeplant die Menschen sind und wie wenig sie improvisieren wollen. Das gilt logischerweise auch für die Beziehungen und die Fähigkeit, diese aufzubauen. Veränderungen sind für sie eher ein Problem als eine Chance, die Dinge besser zu machen. Das gilt natürlich nicht nur für Guggach, aber auch hier ist mir dieses Muster begegnet. Ich bin in der Tschechoslowakei aufgewachsen und habe die turbulenten Regimewechsel nach 1989 miterlebt, daher bin ich fast jederzeit bereit, Dinge zu verändern. Auch das Studium an der Akademie der bildenden Künste hat mich auf diese Arbeitsweise vorbereitet. Bis heute betrachte ich die Arbeit ohne genauen Plan nicht als Zeichen von Dilettantismus, sondern eher als eine Qualität. Ich denke sogar, dass das eine Voraussetzung für das Schaffen eines Kunstwerks ist – immer bereit zu sein für den Moment, in dem man es anders und besser betrachten wird. Diese «Frische» hat hier ein wenig gefehlt, aber zum Glück wurde dies durch meine Mitarbeiter*innen ausgeglichen.
Der Nachbarschaft ein Gesicht geben
CR: Mich hat es sehr berührt, die verschiedenen (Lebens-)Geschichten der Menschen zu hören. Mir wurde bewusst, was für besondere Menschen in diesem – und wahrscheinlich in jedem – Quartier leben. Du hast den Bewohner*innen des Guggach-Quartiers Gehör geschenkt, sie sicht- und hörbar gemacht. Das ist vielleicht etwas, das wir in unserem Alltag zu wenig machen – gerade in unserer Nachbarschaft: uns auf das Gegenüber einlassen.Du hast mir mal gesagt, du machst Kunst, damit es den Leuten besser geht. Du möchtest Gemeinschaft und Zugehörigkeitsgefühl schaffen, Menschen zusammenbringen und damit ihre Lebensqualität steigern. Ist das ein ehrgeiziges, vielleicht auch utopisches Ziel?
KS: Es ist sicherlich ein ehrgeiziger Plan, aber ich halte ihn nicht für utopisch. Viele meiner Projekte sind der Beweis dafür, dass man mit Kunst die Beziehungen von Menschen radikal verändern und ihr Leben dauerhaft umgestalten kann. Das hängt selbstverständlich immer von der Erwartungshaltung ab, aber ich habe Projekte geschaffen, bei denen die Ergebnisse nachweisbar sind. Zum Beispiel habe ich für das «grösste Date der Tschechoslowakei» 1918 Singles verabredet. Dabei haben sich tatsächlich Leute kennengelernt, die jetzt zusammen Kinder haben. Und nicht nur das – einige Teilnehmer*innen führen diese Idee weiter und organisieren weitere unkonventionelle Dating-Events.
CR: Verlierst du manchmal den Mut? Was treibt dich an?
KS: Bis jetzt habe ich den Glauben an meine Arbeit nicht verloren – im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, dass sie immer notwendiger und gefragter wird. Ich denke, ich bin der Beweis dafür, dass nicht unbedingt jede Künstlerin eine Tonne Beton hinterlassen muss, um etwas zu bewegen. Am meisten motivieren mich zweifelsohne die Ergebnisse früherer Aktionen und das, was sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen dadurch verändert hat. Ich denke, es ist unmöglich, diese Art von Projekten während oder kurz nach ihrer Durchführung zu bewerten, denn manchmal dauert es mehrere Jahre, bis die Ergebnisse sichtbar werden.
CR: Was nimmst du mit aus Guggach?
KS: Es gibt sicherlich noch mehr, aber die grundlegende Lehre ist, dass wir in Beziehungen genauso viel investieren müssen wie in die Architektur. Ich setze mich seit Langem dafür ein – nicht nur als Autorin von partizipativen Projekten, sondern auch als Mitglied verschiedener Kommissionen, und es ist noch immer eine Herausforderung. Oft ist es einfacher, in ein Material zu investieren, als das Verhalten einer Gemeinschaft zu ändern. Beziehungen sind noch immer eine zu abstrakte Kategorie, auch wenn sich Menschen aus allen möglichen Disziplinen über deren Bedeutung einig sind.