«Hier gibt es schon genug. Jetzt kommt es darauf an, Beziehungen aufzubauen.»

Die Künstlerin Kateřina Šedá im Gespräch mit Christiane Rekade, Projektleiterin der Fachstelle Kunst und Bau der Stadt Zürich.

Über Teilhabe

Christiane Rekade: Das Projekt RADIO GUGGACH ist für mich und für die Fachstelle Kunst und Bau eines der ersten vollständig partizipativen Kunstwerke im Rahmen von Kunst und Bau. Diese beiden Konzepte scheinen auf den ersten Blick gegensätzlich zu sein: Kunst und Bau ist eng mit Architektur verbunden und beinhaltet in der Regel Werke, die speziell für einen bestimmten Ort geschaffen und dauerhaft im oder um das Bauwerk installiert werden. Im Gegensatz dazu arbeitest du mit einem sehr dynamischen, heterogenen und oft unberechenbaren «Material» – den Menschen. Für RADIO GUGGACH hast du dich sowohl mit den langjährigen Bewohner*innen als auch mit den Neuankömmlingen im Quartier getroffen und ihre Geschichten gesammelt. Du gehörst zu den wenigen Künstlerinnen, die so konsequent und radikal partizipativ arbeiten. Warum hast du dich für diese Art Kunst entschieden?

Kateřina Šedá: Mein inneres Bedürfnis, partizipativ zu arbeiten, muss in meiner Kindheit begonnen haben, als ich noch nichts über Kunst wusste. Ich lebte in der Nähe des Waldes am Stadtrand, war in keinem Verein und verbrachte fast die ganze Zeit mit anderen Kindern draussen. Meist war ich es, die sich überlegte, was wir machen und was wir spielen wollten. Sehr schnell hatte ich die üblichen Kinderspiele satt und überlegte mir ständig, wie ich die Erwachsenen in unsere Spiele einbeziehen könnte. Oft spielten wir «das Leben» oder versuchten, einen Film nachzuspielen, den wir gut kannten. Dieses Bedürfnis, Menschen miteinander zu verbinden und sie in eine Aktivität einzubinden, ist mir geblieben. Das Studium an den Kunsthochschulen hat mir geholfen, es zu monumentalisieren. Nach und nach entdeckte ich, dass die Teilnahme ein Mittel ist, mit dem man nicht nur sich selbst, sondern auch seine Umgebung verändern kann. Das hat meine Faszination für dieses Phänomen noch verstärkt.
In den letzten zwanzig Jahren habe ich Projekte an vielen verschieden Orten durchgeführt, vom Silicon Valley in den USA bis Tschernobyl in der Ukraine, und meine Erfahrungen basierten immer auf demjenigen Projektformat, das ich für den jeweiligen Ort entworfen habe. Meine Arbeitsmethode ist insofern einzigartig, als ich regelmässig versuche, auch diejenigen in meine Projekte einzubeziehen, die das nicht wollen. Ich denke, dass ich in diese Richtung immer auch meine eigenen Grenzen erweitere. Wenn ich gleich zu Beginn des Projektes schon sehr viele begeisterte Teilnehmer*innen finde, macht mich das eher skeptisch, weil ich denke, das Projekt ist nicht mutig genug. Umdenken und sich selber herausfordern soll für alle Teil des Arbeitsprozesses sein.

CR: Wie kam dir die Idee für RADIO GUGGACH?

KS: Bevor ich mit einer Zusammenarbeit beginne, muss ich den Ort kennenlernen und ihn zumindest ein wenig verstehen. Natürlich sind meine Möglichkeiten begrenzt. Es ist selten, dass ich mehrere Monate damit verbringen kann, einen Ort zu erforschen, also arbeite ich hauptsächlich mit den verfügbaren Möglichkeiten – vor allem durch Gespräche mit so vielen verschiedenen Menschen wie möglich. Diesen Teil überspringe ich nie, sonst würde ich im Grunde genommen eine Diagnose ohne Patienten stellen.
Als ich 2020 zur Teilnahme am Wettbewerb in Zürich eingeladen wurde, herrschte gerade die Covid-Pandemie und es war unmöglich zu reisen. Ich konnte den Standort also nicht so erforschen, wie ich es gerne getan hätte, also suchte ich nach anderen Möglichkeiten. Ich wandte mich an die tschechische Gemeinde in Zürich und bat sie um Hilfe. Für mich war es wichtig, die Umgebung zu erkunden und mich nicht mit dem kuratorischen Plan und den Vorschlägen der Architekt*innen zufriedenzugeben. Ich war auf der Suche nach Dingen, die normalerweise nicht in diesen Dokumenten enthalten sind: wie die Beziehungen an diesem Ort funktionieren, wie die Vergangenheit sie geprägt hat und welche Erwartungen die Menschen an die Zukunft haben. Das hat mir geholfen, ein Gefühl für den Ort zu bekommen und mich auf diese Art von Projekt zu konzentrieren, die ausschliesslich Beziehungen fördert. Als ich dann erfuhr, dass im Guggach-Quartier der grösste Radiosender der Schweiz beheimatet ist, war die Entscheidung gefallen.

Arbeiten in Zürich

CR: Wie war für dich die Erfahrung hier in Zürich?

KS: Als ich das Projekt vorschlug, wusste ich natürlich, dass es nicht einfach zu realisieren sein würde. Es handelt sich um einen Standort, an dem ein Teil einer Gartenkolonie einer neuen Überbauung weichen musste. Das ist immer und überall eine schwierige Situation. Das Gelände, auf dem sich inzwischen bereits neue Wohnungen und eine Schule befinden, wurde davor als Raum für Gemeinschaftsveranstaltungen und Nachbarschaftstreffen genutzt. Darum war klar, dass einige der Bewohner*innen diese Veränderung negativ wahrnehmen würden. Gleichzeitig wies mich jemand darauf hin, dass sich die Menschen in der Schweiz wohl nicht auf ein solches Projekt einlassen würden, weil sie nicht gerne Informationen über sich preisgeben und eher verschlossen sind. Ausserdem spreche ich nicht gut Deutsch, sodass mein Verständnis sehr eingeschränkt ist. Ich war mir all dieser Aspekte bewusst, und sie waren keine Überraschung für mich, im Gegenteil: Sie waren der Grund, warum ich diese Art von Projekt an diesem Ort vorgeschlagen habe. Ich habe Dutzende von Projekten an Orten durchgeführt, an denen ich normalerweise mit Übersetzer*innen arbeiten würde, zum Beispiel in Tschernobyl, Budapest oder Tokio. Wenn man eine klare Vision hat, sind die Mittel zur Umsetzung aber immer vorhanden. Natürlich wurde ich vor Ort mit Kommentaren konfrontiert wie: «Wenn du kein Schweizerdeutsch sprichst, kannst du so ein Projekt hier nicht machen!», oder: «Warum kann nicht ein Schweizer Künstler oder eine Schweizer Künstlerin dieses Projekt machen?» Aber ich bin daran gewohnt und sehe es als Teil des Prozesses. Ich habe mich davon nicht entmutigen lassen und mich in erster Linie auf meine Absicht konzentriert: die Menschen dafür zu öffnen, sich auszutauschen und einander Aufmerksamkeit zu schenken, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich neue Bewohner*innen an diesem Ort willkommen fühlen, und schliesslich alle Gruppen miteinander zu verbinden. Für viele Menschen sind diese Dinge sehr abstrakt, sie denken bei Kunst meist an ein greifbares Objekt. Aber ich bin überzeugt, dass das Guggach-Quartier so etwas nicht braucht. Hier gibt es schon genug. Jetzt kommt es darauf an, Beziehungen aufzubauen – zu der Umgebung und zueinander.

CR: Was waren die Schwierigkeiten?

KS: Die grösste Herausforderung bestand darin, das richtige Team zu finden, Mitarbeiter*innen, die sich auf meine Denkweise einstellten, die keine Angst hatten, mit Fremden zu sprechen, und die alle gleich behandelten. Ich weiss, das klingt trivial, aber so einfach ist es nicht. Bei dieser Art von Projekt ist es absolut entscheidend, wer vor Ort ist, wie sie mit den Menschen umgehen und ob sie in der Lage sind, Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Es war nicht einfach, aber am Ende habe ich eine grossartige Gruppe von Leuten gefunden. Sie spielten eine Schlüsselrolle, wie sich das Projekt entwickelt hat. Auch die Befürchtung, dass die Einheimischen nicht mit uns reden wollen, hat sich nicht bewahrheitet, im Gegenteil: Wir haben in den drei Jahren viele grossartige Menschen kennengelernt. Ich sah das grössere Problem darin, ihr Vertrauen zu gewinnen, damit sie etwas Interessantes über sich selbst erzählten und nicht nur oberflächliche Informationen preisgaben, um Anstand zu wahren. Die Menschen sind heute sehr einsam und nicht daran gewöhnt, dass man sich tatsächlich für sie interessiert. Unsere einfühlsame Moderatorin Maike spielte dabei eine wichtige Rolle. Sie konnte das Vertrauen der Menschen gewinnen. Man hat ein Bedürfnis, sich ihr anzuvertrauen.

CR: Was war hier anders als zum Beispiel in einem Projekt für eine Kunsthalle oder ein Museum?

KS: Ein Projekt, das mit den Bewohner*innen eines Ortes vor Ort durchgeführt wird, ist immer etwas ganz anderes als die Arbeit in einem Museum. Ich habe diese Tätigkeit immer als viel reizvoller empfunden. In einem Museum habe ich das Gefühl, dass man bestimmte Kriterien erfüllen muss. Ich aber versuche, mit meiner Arbeit darüber hinauszugehen und meine eigenen Kriterien zu definieren. Gleichzeitig bin ich an der Arbeit mit einem nicht per se kunstaffinen Publikum interessiert, bei der wir unsere eigenen Grenzen ausloten und versuchen, sie gemeinsam zu erweitern. Wenn man ein Museum betritt, lässt man sich logischerweise auf ein kulturelles Erlebnis ein, aber in einem Lift in seinem eigenen Haus erwartet man das nicht. Ausserdem bin ich schon lange der Meinung, dass es wichtiger ist, Beziehungen zu schaffen, nicht Dinge – sie sind nur ein Mittel zum Zweck. Wenn man ein schönes Bild oder eine Skulptur kauft, hat man danach eine schönere Wohnung oder einen schöneren Garten, aber wenn man den richtigen Menschen, Partner, Freund trifft, hat man ein ganzes schöneres Leben – alles sieht schöner aus. Wir alle kennen dieses Gefühl: Wenn man sich auf jemanden einstellt und mit ihm auskommt, ist es oft egal, dass man in einem schlechten Haus mit alten Möbeln sitzt. Umgekehrt funktioniert es genauso: Wenn man in ständigen Konflikten und unvereinbaren Beziehungen steckt, hilft die beste Architektur nicht.

Auf Frequenz Guggach

CR: Du hast nun drei Jahre lang Leute interviewt, Audioaufnahmen zusammengeschnitten und dem Quartier einen Klang gegeben – es, wie du sagst, «auf eine Frequenz» gebracht. Wie klingt Guggach?

KS: Guggach hatte für mich nie einen spezifischen Klang, den ich symbolisch mit dem Ort oder mit dem Projekt selbst in Verbindung bringen konnte. Darum habe ich versucht, ihn für mich zu definieren. Während der Umsetzung wurde mir allmählich klar, dass die Leute uns schon von Weitem erkannten und wir von denen, mit denen wir in irgendeiner Form ins Gespräch kamen, begrüsst wurden. Da wurde mir klar, dass der Klang, den ich mit Guggach verbinden und auf welche Frequenz ich Guggach bringen möchte, vor allem ein freundliches «Hallo» ist. Das symbolisiert für mich einen Moment der Verbindung und des Kennenlernens der Nachbar*innen.

CR: Wie beschreibst du das Quartier, seine Bewohner*innen?

KS: Zürich ist ein multikultureller Ort, und Guggach ist es auch – man trifft hier Menschen verschiedenster Nationalitäten. In den Familiengärten trafen wir auf Griech*innen, Italiener*innen und Französ*innen. Auch sonst habe ich gemerkt, dass viele Bewohner*innen dieses Viertels von ausserhalb kommen. Die ursprünglichen Bewohner*innen jedoch ziehen wegen der hohen Wohn- und Lebenshaltungskosten paradoxerweise von Zürich weg. Deshalb wollten übrigens einige Nachbar*innen nicht mit uns reden und nahmen die aktuelle Situation nicht als sehr positiv wahr. Andererseits hat man so die Möglichkeit, auf kleinem Raum so etwas wie ein «Muster der Welt» zu sehen, mit all seinen möglichen Missständen und Vorteilen. Das ist auch der Grund, warum ich mich für ein solches Projekt entschieden habe – die ganze heutige Welt hat Mühe, sich auf Dinge zu einigen. Die Fähigkeit, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen und nicht nur den eigenen Vorteil im Auge zu haben, ist derzeit die grösste globale Herausforderung. CR: Was magst du an Guggach? Was nicht?

KS: Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie reibungslos in Zürich alles funktioniert, wie durchgeplant die Menschen sind und wie wenig sie improvisieren wollen. Das gilt logischerweise auch für die Beziehungen und die Fähigkeit, diese aufzubauen. Veränderungen sind für sie eher ein Problem als eine Chance, die Dinge besser zu machen. Das gilt natürlich nicht nur für Guggach, aber auch hier ist mir dieses Muster begegnet. Ich bin in der Tschechoslowakei aufgewachsen und habe die turbulenten Regimewechsel nach 1989 miterlebt, daher bin ich fast jederzeit bereit, Dinge zu verändern. Auch das Studium an der Akademie der bildenden Künste hat mich auf diese Arbeitsweise vorbereitet. Bis heute betrachte ich die Arbeit ohne genauen Plan nicht als Zeichen von Dilettantismus, sondern eher als eine Qualität. Ich denke sogar, dass das eine Voraussetzung für das Schaffen eines Kunstwerks ist – immer bereit zu sein für den Moment, in dem man es anders und besser betrachten wird. Diese «Frische» hat hier ein wenig gefehlt, aber zum Glück wurde dies durch meine Mitarbeiter*innen ausgeglichen.

Der Nachbarschaft ein Gesicht geben

CR: Mich hat es sehr berührt, die verschiedenen (Lebens-)Geschichten der Menschen zu hören. Mir wurde bewusst, was für besondere Menschen in diesem – und wahrscheinlich in jedem – Quartier leben. Du hast den Bewohner*innen des Guggach-Quartiers Gehör geschenkt, sie sicht- und hörbar gemacht. Das ist vielleicht etwas, das wir in unserem Alltag zu wenig machen – gerade in unserer Nachbarschaft: uns auf das Gegenüber einlassen.
Du hast mir mal gesagt, du machst Kunst, damit es den Leuten besser geht. Du möchtest Gemeinschaft und Zugehörigkeitsgefühl schaffen, Menschen zusammenbringen und damit ihre Lebensqualität steigern. Ist das ein ehrgeiziges, vielleicht auch utopisches Ziel?

KS: Es ist sicherlich ein ehrgeiziger Plan, aber ich halte ihn nicht für utopisch. Viele meiner Projekte sind der Beweis dafür, dass man mit Kunst die Beziehungen von Menschen radikal verändern und ihr Leben dauerhaft umgestalten kann. Das hängt selbstverständlich immer von der Erwartungshaltung ab, aber ich habe Projekte geschaffen, bei denen die Ergebnisse nachweisbar sind. Zum Beispiel habe ich für das «grösste Date der Tschechoslowakei» 1918 Singles verabredet. Dabei haben sich tatsächlich Leute kennengelernt, die jetzt zusammen Kinder haben. Und nicht nur das – einige Teilnehmer*innen führen diese Idee weiter und organisieren weitere unkonventionelle Dating-Events. CR: Verlierst du manchmal den Mut? Was treibt dich an?

KS: Bis jetzt habe ich den Glauben an meine Arbeit nicht verloren – im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, dass sie immer notwendiger und gefragter wird. Ich denke, ich bin der Beweis dafür, dass nicht unbedingt jede Künstlerin eine Tonne Beton hinterlassen muss, um etwas zu bewegen. Am meisten motivieren mich zweifelsohne die Ergebnisse früherer Aktionen und das, was sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen dadurch verändert hat. Ich denke, es ist unmöglich, diese Art von Projekten während oder kurz nach ihrer Durchführung zu bewerten, denn manchmal dauert es mehrere Jahre, bis die Ergebnisse sichtbar werden.

CR: Was nimmst du mit aus Guggach?

KS: Es gibt sicherlich noch mehr, aber die grundlegende Lehre ist, dass wir in Beziehungen genauso viel investieren müssen wie in die Architektur. Ich setze mich seit Langem dafür ein – nicht nur als Autorin von partizipativen Projekten, sondern auch als Mitglied verschiedener Kommissionen, und es ist noch immer eine Herausforderung. Oft ist es einfacher, in ein Material zu investieren, als das Verhalten einer Gemeinschaft zu ändern. Beziehungen sind noch immer eine zu abstrakte Kategorie, auch wenn sich Menschen aus allen möglichen Disziplinen über deren Bedeutung einig sind.
Radio Guggach war meine erste Gelegenheit, Interviews zu führen. Gesucht wurde eine Radiomoderatorin, gekommen bin ich; eine Sozialarbeiterin und Sprecherin mit grossem Interesse an Menschen und daran, was sie bewegt. Ich habe immer gesagt, dass ich den schönsten Job im ganzen Projekt habe, und ich denke, das war wirklich so. Weil ich eintauchen durfte in die Geschichten der Menschen, ins Quartier und in das, was die Menschen hier ausmacht. Mich hat überrascht, dass es wirklich jedes Mal ein kurzes, aber intensives Eintauchen war in das Leben meiner Interviewpersonen, oft verbunden mit einem tiefen Moment der Verbindung. Ich bin oft sehr beseelt nach Hause gegangen, voller Dank für das grosse Vertrauen und die vielen wertvollen Begegnungen. Am besten ist das gelungen, wenn ich keine vorbereiteten Fragen hatte, sondern einfach darauf eingehen konnte, was mir mein Gegenüber erzählte. Das Guggach-Areal steckt voller grossartiger Menschen mit guten Haltungen, gemeinschaftlichen Werten, die Natur schätzen und Lust auf ein gutes Miteinander haben. Ein bisschen habe ich mich verliebt in dieses Quartier und glaube, dass man hier gut ankommen kann, wenn man offen und neugierig ist und versucht, im persönlichen Kontakt eine Gemeinschaft zu gestalten. Hier kann das Projekt helfen, ein gegenseitiges Verständnis zu entwickeln, Gemeinsamkeiten zu entdecken, und es lädt ein, die Angebote in der Nachbarschaft kennenzulernen. Es war zum Teil schwierig, Interviewwillige zu gewinnen; viele Bewohnende glaubten oftmals nicht, dass sie etwas Spannendes zu erzählen haben oder geeignet seien, wenn sie noch nicht flüssig Deutsch sprechen konnten. So war manches Interview auf Englisch oder wir haben mehr gelacht, als tiefgründige Unterhaltungen geführt. Aber genau das macht die Vielfalt des Projekts und des Quartiers aus. Guggach steckt voller Facetten, voller heterogener Menschen und lässt sich nicht in eine Schublade stecken. Viel Potenzial mit Dorfcharakter; so behalte ich mir Guggach im Herzen.
Im Projekt war ich für die Organisation und Koordination zuständig, also eher im Hintergrund tätig. Meine Aufgaben bestanden darin, E-Mails zu schreiben, Excel-Listen zu pflegen und die Vorbereitungen für die Website zu unterstützen. Dabei stand ich immer in Kontakt mit allen Beteiligten. Obwohl ich selbst Künstler bin, komme ich aus einer ganz anderen Disziplin, daher war es für mich besonders spannend, eine soziale Kunstpraxis aus nächster Nähe kennenzulernen. Auf den ersten Blick scheint das Projekt einfach zu sein, aber je genauer man hinschaut – und das kann ich aus meiner Perspektive hinter den Kulissen bestätigen –, desto beeindruckender ist es, wie viele verschiedene Menschen, Läden und Geschichten es miteinander verbindet. Das Projekt schafft es, unterschiedliche soziale Schichten zusammenzubringen und das Quartier sehr offen und wertfrei darzustellen. Ich glaube, dass das Projekt nicht nur jetzt schon einen grossen Einfluss auf das Quartier hat, sondern dass es mit der Zeit noch spannender wird – vor allem, wenn man später zurückblickt und sieht, wie sich das Quartier verändert hat und wie die einzelnen Personen damals darüber gesprochen haben.
Das Projekt war für mich eine Erfahrung, die weit ausserhalb meiner Komfortzone lag. Anfangs war ich unsicher, wie die Menschen reagieren würden. Doch ich war positiv überrascht, wie offen viele Schweizer*innen wurden, sobald man auf sie zuging. Dieses Projekt ist Kunst im öffentlichen Raum – ein Bereich, der mir persönlich sehr am Herzen liegt. Dieser Bereich ist risikoreich und bringt viele Unwägbarkeiten in der Umsetzung mit sich. Für mich war es eine Art soziales Experiment, das gezeigt hat, wie Kunst Menschen im Alltag erreichen kann. Ich habe gelernt, offener zu kommunizieren, spontaner auf Situationen zu reagieren und Vertrauen in Unbekanntes zu entwickeln.

Radio Guggach macht für mich Sinn, weil es Räume schafft, in denen Begegnungen stattfinden können. Es bringt etwas Unerwartetes in den Alltag der Bewohner*innen und regt an. Es kann die Menschen aus ihrer Routine ziehen und neue Perspektiven schaffen. Alles in allem war es eine Herausforderung, aber eine grosse Bereicherung.
Als Künstler liegt mein Schwerpunkt auf sogenannten Social-Practice-Kunstprojekten. Die künstlerische Praxis von Kateřina Šedá bewundere ich seit vielen Jahren, und es war mir eine Ehre, Teil von Radio Guggach zu sein und hier in Zürich eng und kreativ mit einem meiner künstlerischen Vorbilder zusammenzuarbeiten. Meine Aufgabe bestand darin, spontan auf Bewohner*innen zuzugehen und ihnen gezielte Fragen zu stellen, um auf diese Weise Tipps, Witze, Beschwerden, Rituale, Empfehlungen und Lieder (manchmal gemeinsam gesungen) zu sammeln. Neben diesen spontanen Begegnungen habe ich auch bei der Durchführung und Dokumentation von drei Workshops mit Schüler*innen verschiedener Klassen an der Tagesschule Guggach mitgewirkt. Das Projekt hat mich tief bewegt – ebenso wie die Bewohner*innen und Schüler*innen, die ich kennenlernen durfte. Durch die Gespräche und die Workshopreihe ist ein unsichtbares Netzwerk entstanden, das all diese Stimmen im und um das Guggach-Areal miteinander verbindet. Dieses soziale Geflecht wäre ohne RADIO GUGGACH in so kurzer Zeit nicht möglich gewesen und hat somit das Leben aller Beteiligten bereichert. Heute sind die Menschen, denen man im Supermarkt begegnet, auf dem Spielplatz, im Lift oder in der Veloreparaturschlange, nicht mehr fremd – sondern Teil einer wachsenden Guggach-Gemeinschaft.
Als Editorin für Radio Guggach durfte ich unzählige kleine, spannende, berührende und auch witzige Gespräche begleiten. Dabei habe ich viele unterschiedliche Menschen kennengelernt und erlebt, wie vielfältig die Stimmen und Geschichten dieses Quartiers sind.

Gerade in einer Stadt wie Zürich, die sich ständig verändert und wächst, empfinde ich es als etwas ganz Besonderes, dass durch dieses Projekt ein verspieltes, lebendiges und zugängliches Archiv entstanden ist – voller Meinungen, Erinnerungen und Alltagsbegegnungen. Am Bucheggplatz, wo die Stadt und ihre Bewohner*innen oftmals in Bewegung sind, konnte ein Ort des Innehaltens und des Austauschs entstehen.

Für mich liegt die wahre Stärke von Radio Guggach darin, dass es Menschen miteinander ins Gespräch gebracht hat – unabhängig davon, ob sie erst seit Kurzem hier leben oder schon lange Teil des Quartiers sind. Ich bin überzeugt, dass genau dieses Miteinander, dieses Gehört- und Gesehenwerden, ein wesentliches Fundament für ein gesundes und lebendiges Quartier ist. Radio Guggach war für mich nie ein Kunstwerk zum blossen Anschauen – sondern ein Projekt zum Fühlen, zum Mitmachen, zum Zuhören und Mitreden.

Für die Zukunft wünsche ich dem Quartier, dass diese Freude am Austausch erhalten bleibt. Dass hier weiterhin Zusammenhalt wächst, neue Ideen entstehen und der Mut bleibt, dieses Stück Stadt gemeinsam zu gestalten – als eine Insel der Gemeinschaft mitten im schnellen Rhythmus Zürichs.
Mai 2022. Ich erfahre, dass Kateřina Šedá für ihr nächstes Projekt Mitarbeitende in der Schweiz sucht. Ihr Projekt «Je to jedno» (2005–2007), das sie mit ihrer Grossmutter realisierte und das sie in der tschechischen Kunstszene bekannt machte, war eine grosse Inspiration für mich. Seither verfolge ich ihre Arbeit. Ich habe ein erstes Gespräch mit Kateřina – aber der Projektstart verzögert sich wegen der Covid-Pandemie.

Sommer 2023. Es ist der Beginn des Projekts auf der Baustelle in Guggach. Wir haben mit Architekt*innen und Arbeiter*innen auf der Baustelle gesprochen und ein paar Stunden damit verbracht, die Presslufthämmer und andere Baustellengeräusche aufzunehmen. Wir versuchen auch, mit den Leuten aus den Familiengärten in Kontakt zu kommen. Die wenigen, die in der Julihitze hier sind, scheinen uns noch nicht zu vertrauen. Nur wenige von ihnen sind bereit, ein Interview zu geben. Im September muss ich RADIO GUGGACH verlassen, weil ich mein Filmstudium beginne.

Frühjahr 2025. Über eine Freundin treffe ich zufällig wieder auf RADIO GUGGACH – diesmal in seiner Endphase. Ich helfe bei der Bearbeitung des Audiomaterials. Ich höre die Stimmen aus dem Guggach-Areal – jene Stimmen, die wir im Sommer 2023 noch nicht gefunden hatten. Je mehr ich zuhöre, desto mehr bin ich beeindruckt und verstehe, dass Kateřina es wieder geschafft hat: mit ihrer «sozialen Skulptur» Menschen zusammenzubringen, sie die Perspektiven der anderen erfahren zu lassen und schliesslich das Guggach-Areal durch diese kollektive Erfahrung als einen kulturell und sozial reichen Ort zu sehen.
Die Arbeit am Projekt www.radiogugga.ch war für mich als Grafikdesignerin eine wirklich einzigartige Erfahrung – nicht nur im Hinblick auf das visuelle Design, sondern auch aufgrund des Inhalts und der gesamten Philosophie hinter dem Projekt. Radio Guggach ist eine Gemeinschaftsplattform und ein digitaler Raum, der das Leben und die Vielfalt des Zürcher Guggach-Quartiers authentisch widerspiegelt.

Ich hatte die Möglichkeit, die visuelle Identität des Projekts zu gestalten – vom Logo und Merchandise bis hin zur Website selbst. Am meisten Freude hat mir jedoch das Design des Wohnwagens bereitet. Schliesslich gestaltet man nicht jeden Tag eine Folierung für ein mobiles Radiostudio. Es war auch eine ziemliche Herausforderung, da das Design verschiedene technische Anforderungen erfüllen musste, mit denen ich zuvor noch nie zu tun hatte.

Ich glaube, es ist uns mit radiogugga.ch gelungen, eine starke Plattform zu schaffen, die zeigt, dass Guggach nicht nur ein Ort zum Schlafen ist, sondern eine lebendige, vernetzte Gemeinschaft – ein Quartier voller inspirierender Menschen. Ich bin überzeugt, dass Radio Guggach dazu beitragen kann, neue Freundschaften, Beziehungen und Kooperationen unter den Bewohner*innen zu schaffen.

Kateřina Šedá

Kateřina Šedá ist die Künstlerin hinter dem Projekt Radio Guggach. Das Projekt fällt in die Kategorie Soziale Kunst. Was Kateřina selbst über diese Bezeichnung denkt, wie sie sich und was sie macht beschreibt und was die Erwartungen von aussen sind, wenn sie mit Projekten beauftragt wird, das erfahren wir im Interview mit ihr. Ayan unser Projektmitarbeiter übersetzt das Interview im Gespräch auf deutsch. Katerina erzählt eindrücklich wie sie bereits im Kindesalter angefangen hat mit Menschen und dem, was sie beschäftigt zu interagieren. Sie interessiert sich dafür was Menschen verbindet und was sie trennt und welche Rolle dabei bestimmte Orte spielen.

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Maike Bräutigam

Maike Bräutigam ist unsere Interviewerin. Sie kennen vor allem diejenigen, die sich bereit erklärt haben, uns ein Interview zu geben. Nun hat sie die Perspektive gewechselt und sich mit Roman über ihre Arbeit unterhalten. Wie ist sie zum Projekt gekommen? Was hat sie besonders berührt, was überrascht? Wie hat sie ihre Arbeit erlebt und was wird ihr aus dieser Zeit bleiben? Wie findet sie persönlich die neue Siedlung und was würde sie ändern, wenn sie könnte? Und warum ist sie der Meinung, dass sie den schönsten Job im ganzen Projekt hatte?

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Roman Gysin

Roman Gysin ist einer derjenigen, die Radio Guggach im Hintergrund am Laufen halten. Er übernimmt die Organisation der Interviews, plant die nächsten Workshops, wenn die Künstlerin wieder im Land ist, oder ist darum bemüht, dass alle Interviews rechtzeitig geschnitten sind und auf der Homepage erscheinen. Roman gewährt uns einen Blick hinter die Kulissen von Radio Guggach und erzählt uns, wie er als bildender Künstler auf Soziale Kunst blickt.

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Ayan Paska

Ayan Paska kennt das Projekt von seinen Anfängen an. Weil er selbst tschechisch spricht, war er lange die erste Ansprechperson für Katerina in der Schweiz. Er beschreibt uns welche seine Aufgaben waren und was er durch das Projekt gelernt hat. Dinge, die ihn überrascht und geprägt haben erfahren wir ebenso wie sein Blick auf Soziale Kunst und was sie seiner Meinung nach von anderer Kunst unterscheidet.

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Philip Matesic

Philip Pfenninger ist Teil unseres Teams und vielen Menschen im Quartier bekannt. weil er stets dafür gesorgt hat, dass die Menschen Radio Guggach kennenlernen, wahrnehmen und ihre Hemmschwelle verlieren. Philip ist mit dem Radio-Bike durchs Quartier gedüst, hat Stimmen eingefangen, Karaoke-Workshops organisiert oder die Jukebox moderiert. Was fasziniert ihn an Sozialer Kunst und wie hat er seine Arbeit im Projekt erlebt?

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Zana Selimi

Zana Selimi ist Teil des Radio Guggach Teams und diejenige, die für den Schnitt der Interviews verantwortlich war. Als Editorin kennt sie die meisten Interviews und hat sich während ihrer Arbeit angewöhnt die Fotos der Interviewpersonen immer erst nach dem Schnitt anzuschauen. Welche Personen ihr besonders im Gedächtnis geblieben sind, ob sie über all die Interviews hinweg Gemeinsamkeiten der Menschen feststellen konnte und was sie aus den Interviews übers Quartier gelernt hat - das alles können wir im Gespräch mit ihr erfahren. Ein wertvoller Blick hinter die Kulissen.

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Tereza Daniell

Tereza Daniell fand früh den Weg zum Erzählen. Sie studierte Drehbuch und Dramaturgie in Brno, schrieb und dachte weiter in Wien und Prag, wo sie an der FAMU in die Tiefen audiovisueller Studien eintauchte. Jahrelang prägte sie als Autorin, Regisseurin und Dramaturgin das dokumentarische Erzählen im tschechischen Rundfunk und Fernsehen. 2020 führte sie ihr Weg in die Schweiz – seit 2023 widmet sie sich dem Schnitt, der Kunst des Weglassens, im Masterstudium an der ZHdK.

Kristína Drinková

Kristína Drinková ist eine Grafikdesignerin, die in Brno lebt. Sie hat Grafikdesign an der Fakultät für Bildende Künste der Technischen Universität Brno studiert. Sie hat bei mehreren Projekten mit Kateřina Šedá zusammengearbeitet, wie «Brnox», «Von Fuss zu Fuss», «Das grösste tschechoslowakische Date», «Die nationale Sammlung schlechter Gewohnheiten» und vielen anderen.

David Ondra

David Ondra arbeitet seit fast 15 Jahren als Hauptproduzent für Kateřina Šedá. Er hat an Dutzenden von Projekten in der Tschechischen Republik und im Ausland mitgewirkt, darunter für die Tate Modern in London, SF Moma in San Francisco oder die Kunstbiennale in Venedig. Bei RADIO GUGGACH war David nicht nur Produzent, sondern auch Chauffeur des Radiomobils, das er unzählige Male sicher den langen Weg von Brno nach Zürich gefahren hat.